Ein größerer Atemzug fällt auf

Eine Person sitzt ruhig am Fenster neben einem leicht bewegten Vorhang und grünen Pflanzen.
Ein Seufzer kann als kurzer Wechsel im laufenden Atem wahrnehmbar werden. KI-generierte Illustration.
Gesundheitskapitel

Nach einem langen Gespräch, beim Ankommen zu Hause oder mitten in einer ruhigen Pause hebt sich der Brustkorb manchmal besonders deutlich. Eine größere Einatmung wird von einer längeren Ausatmung begleitet. Oft läuft dieser Seufzer beiläufig ab. Manchmal nehmen wir ihn als spürbare Unterbrechung wahr.

Spontane Seufzer gehören zur normalen Vielfalt der Atmung. Sie treten auch unabhängig von bewussten Gefühlen auf und können im Schlaf vorkommen. Das Atemsystem erzeugt neben den gewöhnlichen Atemzügen verschiedene besondere Muster. Ihre Aufgabe hängt von der jeweiligen Situation und ihrer physiologischen Steuerung ab. [1][4]

Ein Seufzer kann deshalb aus zwei Perspektiven betrachtet werden: als automatisch auftretender Bestandteil der Atemorganisation und als Vorbild für eine absichtlich ausgeführte Übung. Die Forschung untersucht beide Fragen mit unterschiedlichen Methoden.

Die Lunge braucht variable Atembewegungen

Die Lungenbläschen bilden zusammen eine große Austauschfläche für Sauerstoff und Kohlendioxid. Ihre dünnen Wände und die Flüssigkeitsschicht an der inneren Oberfläche stellen besondere mechanische Anforderungen. Surfactant senkt die Oberflächenspannung und unterstützt die Stabilität der kleinen Lufträume.

Größere Einatmungen verändern die Dehnung der Lunge stärker als gewöhnliche Atemzüge. Sie tragen zur Erhaltung und Wiederherstellung der Belüftung von Lungenabschnitten bei. Dieser Zusammenhang wird als physiologischer Hintergrund spontaner Seufzer beschrieben. Die genaue Wirkung hängt vom Zustand der Lunge und den mechanischen Bedingungen ab. [1]

Im natürlichen Atemverlauf wechseln Tiefe und Rhythmus ohnehin. Solche Variabilität gehört zu einem anpassungsfähigen System, das auf Haltung, Bewegung, Sprechen und Schlaf reagiert. Mehr zu dieser Mechanik erklärt das Kapitel Atmung und Lunge.

Für das Seufzen gibt es spezielle neuronale Wege

In tierexperimentellen Arbeiten konnten Forschende besondere Signalwege für Seufzer identifizieren. Eine Studie von Li und Kollegen untersuchte 2016 unter anderem die Botenstoffe Neuromedin B und Gastrin-releasing Peptide sowie ihre Rezeptoren im Bereich des Atemnetzwerks. Gezielte Eingriffe veränderten die Seufzerhäufigkeit bei Mäusen und Ratten. [1]

Ein charakteristischer Seufzer kann dabei durch zwei aufeinanderfolgende Anteile inspiratorischer Aktivität entstehen. Die größere Einatmung wird neuronal in den laufenden Atemrhythmus eingefügt. Damit ist das Seufzen als eigenes Muster innerhalb der Atemsteuerung experimentell zugänglich.

Für die Lektüre ist der Versuchsrahmen entscheidend: Solche Arbeiten untersuchen Nervenzellen und Atemmuster von Tieren. Eine bewusste Übung für das menschliche Befinden wird mit Teilnehmenden, Vergleichsgruppen und passenden Ergebnismaßen untersucht. Auf diese zweite Frage richtet sich die kliniknahe Atemübungsforschung.

Was eine Studie zum zyklischen Seufzen untersuchte

Eine Onlinestudie mit 108 Erwachsenen verglich über 28 Tage drei Atemübungen mit einer Achtsamkeitsmeditation. Die tägliche Übungszeit betrug jeweils fünf Minuten. Eine Atemgruppe übte zyklisches Seufzen: auf eine Einatmung folgte eine zweite, kleinere Einatmung und anschließend eine langsame vollständige Ausatmung. [2]

Diese Gruppe zeigte im Vergleich zur Meditation größere Zunahmen positiver Stimmung und eine stärkere Abnahme der Atemfrequenz. Bei Angst und negativer Stimmung ergab sich keine entsprechende Überlegenheit. Auch für Herzratenvariabilität, Ruhepuls und Schlaf wurden keine signifikanten Veränderungen gefunden. Damit hängen die Aussagen der Studie eng an den jeweils gemessenen Ergebnissen. [2]

Die Untersuchung war explorativ, wurde nachträglich registriert und hatte kleine, unterschiedlich große Gruppen. Die Durchführung zu Hause begrenzte die Kontrolle darüber, wie genau geübt wurde. Die Studie liefert einen ersten Anhaltspunkt für das untersuchte wiederholte tägliche Üben.

Einen bewussten Seufzer ruhig ausprobieren

Für ein erstes Kennenlernen reicht eine bequeme Sitzposition. Lass zunächst einige Atemzüge von selbst kommen und gehen. Atme dann angenehm ein und ergänze, wenn es sich leicht anfühlt, eine kleine zweite Einatmung. Lass die Luft anschließend ruhig und ohne Pressen wieder hinaus. Kehre danach zum gewöhnlichen Atmen zurück.

Halte die Bewegung angenehm und ohne Pressen. Wähle Einatmung und Ausatmung so, dass sie sich mühelos anfühlen. Beobachte eher, ob Schultern und Brustkorb anschließend etwas leichter loslassen können und wie sich dein Atem von selbst fortsetzt.

Diese kurze Erkundung ist eine redaktionell vereinfachte Einstiegsidee; das in der Studie geprüfte Training bestand aus fünf Minuten täglicher Wiederholung. Für die eigene Beobachtung sind zunächst wenige ruhige Atemzüge ausreichend. Bei Schwindel, Kribbeln oder Luftnot beende die Übung und atme wieder frei. Bei einer bestehenden Herz- oder Lungenerkrankung solltest du angeleitete Atemübungen passend zur Erkrankung auswählen.

Welche Frage die weitere Forschung beantworten muss

Atemübungen werden in unterschiedlichen Formen untersucht. Eine Metaanalyse randomisierter Studien fand im Mittel eine kleine bis mittlere Verringerung von selbstberichtetem Stress gegenüber Kontrollbedingungen ohne Atemübung. Die Verfahren, Teilnehmenden und Vergleiche unterschieden sich deutlich. [3]

Für den Seufzer bleiben dadurch konkrete Fragen interessant: Wie lange hält eine Veränderung der Stimmung an? Welche Menschen profitieren? Welche Rolle spielen Aufmerksamkeit, Erwartung und die bewusst eingelegte Pause? Und welchen zusätzlichen Beitrag leistet das spezielle Atemmuster gegenüber anderen ruhigen Übungen?

Wer den größeren Zusammenhang verstehen möchte, kann mit der Steuerung des Atemrhythmus weiterlesen. Der Beitrag über langsame Atmung zeigt außerdem, warum Tempo, Atemvolumen und die Wahl einer Vergleichsgruppe für die Studienergebnisse wichtig sind.

Was die gemessene Veränderung der Stimmung bedeutet

Die Teilnehmenden bewerteten ihre Stimmung jeweils vor und nach der täglichen Übung mit standardisierten Fragebögen. Erfasst wurde damit die kurzfristige Veränderung rund um diese Übungszeit. Positive Stimmung, negative Stimmung und momentane Angst waren getrennte Messgrößen.[2]

Die körperlichen Werte stammten zusätzlich von einem getragenen Sensor und wurden über den Studienverlauf ausgewertet. Eine niedrigere Atemfrequenz in diesen Daten beschreibt daher eine andere Beobachtung als die Atemzüge während des Übens. Diese zeitliche Trennung hilft beim Lesen der Ergebnisse: Eine Veränderung unmittelbar nach fünf Minuten, ein Verlauf über vier Wochen und eine länger anhaltende Wirkung nach Studienende sind unterschiedliche Forschungsfragen.[2]

Weiter im Zusammenhang

Quellen und Weiterlesen

  1. Li P et al. (2016): The peptidergic control circuit for sighing Nature 530, 293–297. Maus- und Rattenexperimente zu spezialisierten neuronalen Steuerungswegen; physiologischer Hintergrund der Lungenentfaltung in der Einleitung.
  2. Yilmaz Balban M et al. (2023): Brief structured respiration practices enhance mood and reduce physiological arousal Cell Reports Medicine 4, 100895. Explorative randomisierte Onlinestudie: 108 Erwachsene, vier Gruppen, fünf Minuten täglich über 28 Tage. Huberman ist Mitautor. DOI: 10.1016/j.xcrm.2022.100895.
  3. Fincham GW et al. (2023): Effect of breathwork on stress and mental health: A meta-analysis of randomised-controlled trials Scientific Reports 13, 432. Zwölf RCTs mit 785 Erwachsenen für den Endpunkt selbstberichteter Stress; heterogene Verfahren und Vergleichsbedingungen.
  4. Huberman Lab Essentials mit Dr. Jack Feldman: Breathing for Mental & Physical Health & Performance 13.11.2025. Themenanstoß: 13:23–17:21, physiologische Seufzer.